SRV850 vs. T-MAX
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Aprilia SRV 850 vs. Yamaha T-Max |
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Der stärkste Roller aller Zeiten fordert einen angriffslustigen Japaner zum Duell. |
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Wer bei einem Roller nur an ein kleines Stadtmoperl denkt, wird bei diesem Vergleich ordentlich staunen, die fast 850 Kubik Hubraum und 76 PS des Aprilia SRV 850 werden lediglich von der Elektronik im Zaum gehalten. Da muss sich der Yamaha T-Max schon bemühen, um punkten zu können – was er schließlich auch auf andere Ebene eindrucksvoll macht. |
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Das Luxusrollersegment wird immer wichtiger für die Hersteller, offensichtlich möchte sich keiner das boomende Geschäft durch die Lappen gehen lassen: Honda bringt den Integra mit innovativem Doppelkupplungsgetriebe, Yamaha überarbeitet den altbewährten T-Max kräftig, BMW überrascht mit zwei potenten C-Rollermodellen und Kymco präsentiert ein 700-Kubik-Schlachtschiff mit elektronisch verstellbarem Fahrwerk. Es geht aber immer noch ein bisserl mehr, dachte man sich wohl bei Aprilia und bastelt aus dem Gilera GP 800 ruck zuck den stärksten Roller aller Zeiten samt ABS und Traktionskontrolle zusammen. Das Resultat, der SRV 850 ist eine interessante Mischung aus tourenfähigem Reisedampfer und ansatzweise wendigem Stadtroller, der trotz seiner fast 250 Kilo Trockengewicht dank des niedrigen Schwerpunkts relativ handlich durch den Verkehr zu zirkeln ist. Freilich, im direkten Vergleich mit dem fahrbereit nur knapp über 220 Kilo wiegenden Yamaha T-Max spürt man schon ein gewisses Sträuben gegen zu enge Kurven, auf der Geraden oder in langgezogenen Kurven macht der Power-Roller aber alles wieder wett. Stolze 76 PS wuchtet der V-Zweizylinder-Murl auf die Kurbelwelle, ohne Traktionskontrolle kann der SRV 850 schon eindrucksvoll mit dem Hinterreifen quietschen – natürlich nur, wenn den Fahrer leichte Minderwertigkeits-Komplexe plagen, oder er den Reifen nicht zahlen muss. Mit der Traktionskontrolle ATC ist es neuerdings mit solchen Kunststücken aber ohnehin vorbei, das Hinterrad wird stets per Elektronik im Zaum gehalten. |
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Traktionskontrolle verhindert Burnouts. |
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Über die Sensibilität des Systems kann man streiten, das abrupte Abdrehen der brachialen Power bei jedem Eingriff mag stören, soll im Endeffekt aber der Sicherheit dienen. In Sachen Stabilität merkt man jedenfalls schon, dass der SRV 850 sehr nahe an einem Motorrad ist, wurde der Vorgänger Gilera GP 800 doch gemeinsam mit der Aprilia Mana 850 entwickelt – ein echtes Naked Bike, das dank dem niedrigen Rahmen über ein besonders praktisches Helmfach an Stelle des Tanks vor dem Fahrer verfügt. Nun geht es aber um den SRV 850 und da ist der Stauraum ein eher düsteres Kapitel. Während beim Yamaha T-Max locker ein Vollvisierhelm und sonstiger Krimskrams ins Gepäckabteil passen, muss man beim SRV 850 das ganze Zeug im Rucksack herumschleppen und kann bestenfalls einen Jethelm in dem kleinen Fach unter der Sitzbank unterbringen, Integralhelme mag er nicht so gern. Besonders verwunderlich ist das kleine Fach, wenn man den dicken Hintern von außen betrachtet und vermutet, dass eigentlich eine halbe Küche darin Platz haben müsste. Wenigstens kommt diese Wuchtigkeit auch dem Komfort entgegen, sowohl Fahrer als auch Beifahrer sitzen äußerst bequem auf dem gut konturierten und gepolsterten Sattel. Auch die Ergonomie stimmt, für bequemes Cruisen stellt man die Beine vorne in den windgeschützten Fußraum, bei sportlichen Exzessen kann man mit den Füßen weit nach hinten rücken und fast wie auf einem Motorrad sitzen. |
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An Komfort mangelt es auch am Yamaha T-Max nicht, sein Sattel ist gut gepolstert und die Ergonomie geht in Ordnung, allerdings überrascht der Japaner mit einer erstaunlich sportlichen Sitzposition, die schneller zum Angriff motiviert als am Aprilia-Roller. Dazu passend benimmt sich auch der Motor; denn obwohl ihm fast 30 PS auf den SRV 850 fehlen, kann dieser beim Antritt aus dem Stand keinen echten Vorsprung heraus fahren, erst bei höheren Geschwindigkeiten macht sich der Unterschied bemerkbar. Ein großes Plus geht dafür beim Windschutz an den T-Max, da fühlt man sich richtig gut geschützt hinter der großen Scheibe, die mit ein bisserl Schrauberei auch in der Höhe verstellt werden kann. Anders der SRV 850 mit seiner fix montierten, kleinen Scheibe - da wurde zugunsten der zugegebenermaßen herrlich sportlichen Optik auf eine hohe und breite Windschutzscheibe verzichtet, was beim stärksten Roller aller Zeiten natürlich nur bedingt sinnvoll ist. Ein wenig Unvernunft gehört bei einem Italiener allerdings schon dazu, das macht ihn charismatisch. Mit gutem Willen könnte man auch die unzuverlässige Tankuhr in diese Kategorie einordnen. Der Zeiger steht lange auf voll, ab der Hälfte geht es aber rapide abwärts. Und zeigt die Anzeige gerade noch ¼ voll an, ist sie im nächsten Augenblick auf Reserve und schafft dann im normalen, flüssigen Stadtbetrieb kaum mehr als 30 Kilometer – wie ich am eigenen Leib spüren musste. Dass sich die knapp 250 Kilo dann beim Schieben und Rangieren nicht allzu leicht anfühlen, ist natürlich auch klar. |
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250 Kilo fühlen sich nicht allzu leicht an. |
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Bei der Optik versuchen beide großen Roller auf Macho zu machen: Scharf geschnittene Verkleidungen, effektvolle Kanten und böse Blicke kommen bei der Kundschaft offenbar gut an. Ganz kontrovers bei beiden die klassischen und ehrlich gesagt etwas langweiligen Armaturen. Beide Roller vertrauen auf analoge Instrumente sowohl beim Tacho als auch beim Drehzahlmesser, wobei letzterer bei einem Automatik-Roller ohnehin entbehrlich wäre. Unverzichtbar wäre hingegen wenigstens ein kleines Fach für diverse Utensilien in der Frontschürze – beim SRV 850 Fehlanzeige. Der T-Max hat dafür gleich zwei Fächer, das rechte sogar abschließbar, das linke dafür von der Größe her nur für ein Taschentuch zu gebrauchen und daher eher unbrauchbar. Der SRV 850 punktet hingegen mit einer praktischen Sitzbank-Fernentriegelung per Druckknopf unter dem Lenker, die das nervige Herumfummeln mit dem Schlüssel erspart. Kleine Fächer bei der Yamaha, keine Fächer bei der Aprilia Glücklicherweise wird bei den Bremsen nicht gespart, beide Roller haben standfeste Doppel-Bremsscheiben an der Front, die – wie es bei hecklastigen Rollern nun mal üblich ist – effektiv von den hinteren Einzelscheiben unterstützt werden. Für ganz brenzlige Situationen haben beide schließlich noch ein dezent arbeitendes ABS mit an Bord. Dass die Brembo-Anlage beim Aprilia SRV 850 besser und hochwertiger aussieht als die schlichte Bremserei am T-Max täuscht allerdings ein wenig, der große Yamaha-Roller verzögert vehement und werkt auf ebenbürtigem Niveau. Wer also den stärksten Roller aller Zeiten besitzen muss und auf aggressive Optik mehr Wert legt als auf praktische Details, kommt am neuen Aprilia SRV 850 nicht vorbei. Wer sich aber mehr an Wendigkeit und solider japanischer Konstruktion erfreuen kann, ist mit dem ebenfalls sehr gut aussehenden Yamaha T-Max ebenso gut bedient und spart noch einen glatten Tausender gegenüber dem feschen Italiener. |
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Text: Vauli |
Bericht vom 12.09.2012 | 19.888 Aufrufe